Ein Abschied wird zur Seekarte
„Farewell and Adieu Ye Fine Spanish Ladies“, meist kurz „Spanish Ladies“ genannt, beginnt als Abschied. Britische Seeleute haben Befehl zur Rückkehr nach England erhalten und lassen Frauen in Spanien zurück. Schon wenige Zeilen später wird aus privatem Gefühl gemeinsame Bewegung: Die Mannschaft will laut singen, Lotungen vornehmen, Landspitzen erkennen und den Ankerplatz in den Downs erreichen.
Gerade diese Mischung verleiht dem Lied seine Kraft. Es ist Abschied und Route durch den Ärmelkanal zugleich, enthält Fachsprache aus der Segelschifffahrt und bietet einen Refrain, den viele Stimmen tragen können. Die Vaughan Williams Memorial Library führt es als Roud 687. Unter dieser Nummer werden zahlreiche Texte und Melodien derselben traditionellen Liedfamilie zusammengefasst.
Ein namentlich bekannter Komponist lässt sich nicht belegen. Seeleute, Drucker, Sammler und spätere Interpretinnen und Interpreten veränderten Text und Melodie. Whisflos langer Titel bewahrt die erste Zeile; „Spanish Ladies“ ist der gebräuchlichste Kurzname.
Was die frühen Belege wirklich aussagen
Moderne Darstellungen der Seefahrtsgeschichte nennen gewöhnlich ein Logbuch von 1796 eines Schiffs namens Nellie als frühesten heute zitierten Textbeleg. Das National Maritime Museum Cornwall beschreibt das Stück dort als Spill-Shanty; auch eine wissenschaftliche Studie in der digitalen Sammlung der Library of Congress bespricht den Nellie-Hinweis von 1796.
Dieser Anhaltspunkt ist bedeutsam, muss aber vorsichtig formuliert werden. Die hier verlinkten Quellen zeigen keine digitalisierte Abbildung der originalen Logbuchseite. Außerdem schwankt die Bezeichnung zwischen „Nellie“ und „HMS Nellie“. Seriöse moderne Institutionen führen das Lied auf diesen Eintrag zurück; damit besitzen wir weder eine autographe Komposition noch den Beweis für einen bestimmten Autor.
Das Jahr legt einen plausiblen historischen Rahmen nahe. Im Ersten Koalitionskrieg waren Großbritannien und Spanien zeitweise gegen das revolutionäre Frankreich verbündet, und britische Schiffe operierten in spanischen Gewässern. Das kann den Heimkehrbefehl erklären. Es bleibt jedoch eine Schlussfolgerung aus Datum und Flottenbewegungen, keine im Lied überlieferte Entstehungsangabe.
In den Worten nach Hause segeln
Nach dem Abschied wird der Text erstaunlich praktisch. Ushant, französisch Ouessant, liegt vor der Bretagne; die Scilly-Inseln markieren die andere Seite der westlichen Kanaleinfahrt. „Strike soundings“ bedeutet, die Wassertiefe zu loten. Manche Fassungen nennen auch die Beschaffenheit des Grundes. Vor elektronischer Navigation halfen Tiefe und Bodenprobe einer Besatzung, ihre ungefähre Position zu bestimmen.
Weitere Strophen reihen Landmarken der englischen Küste aneinander. Mündliche und gedruckte Fassungen schreiben manche Namen unterschiedlich, doch die Bewegung von Südwesten nach Kent bleibt erkennbar: Dodman oder „Deadman“, Rame Head, Plymouth, Start Point, Portland, die Isle of Wight, Beachy Head, Fairlight, Dungeness und schließlich South Foreland. Ziel sind die Downs, eine offene Reede vor Kent, in der eine Flotte ankern konnte.
Das ist kein moderner Törnplan mit fehlerfrei kopierten Ortsnamen. Sänger verkürzten Wörter für die Melodie, verwechselten ähnliche Namen und änderten Entfernungsangaben. Wertvoll ist die Perspektive des Seemanns: Heimat erscheint Landspitze für Landspitze. Navigation wird Erinnerung und Erinnerung ein gemeinsamer Refrain.
Seelied, Marinelied oder Shanty?
„Spanish Ladies“ wird heute oft als Sea Shanty vorgestellt. Diese Bezeichnung ist nützlich, aber nicht vollständig. Historiker unterscheiden Seelieder, die in der Freizeit gesungen wurden, von Shantys, die körperliche Arbeit koordinierten. Eine Ankerwinde und andere lang anhaltende Stemm- oder Zugaufgaben brauchen einen gleichmäßigen Puls; der breite Dreiertakt dieses Liedes konnte ihn liefern.
Die Praxis der Royal Navy war jedoch nicht immer dieselbe wie auf Handelsschiffen. Das National Maritime Museum Cornwall erklärt, dass Arbeitsshantys auf dicht bemannten Kriegsschiffen nur begrenzt eingesetzt wurden, weil Befehle hörbar bleiben mussten. Cecil Sharps Anmerkung von 1916 nennt das Stück ein Spill-Shanty, berichtet aber auch von seinem Gebrauch als gewöhnliches Lied in der Marine. Präzise ist daher: ein traditionelles britisches See- und Marinelied, das auch in der Spill-Shanty-Praxis umlief.
Dieses Doppelleben erklärt seinen Charakter. Der Rhythmus ist regelmäßig genug für gemeinsame Arbeit, die Melodie weit genug für Geige, Solostimme oder unbegleiteten Chor. Die Lehrfassung der English Folk Dance and Song Society nach dem Norfolk-Sänger Walter Pardon verändert den Refrain gegenüber Frederick Marryats Text, bewahrt aber Heimreise, Lotungen, Landmarken und das „rant and roar“-Motiv.
Die Rettung von 1840 in Poor Jack
Die älteste Quelle dieser Recherche, die sich direkt vollständig lesen lässt, ist Poor Jack, ein 1840 erschienener Roman des früheren Marineoffiziers Frederick Marryat. Die Library of Congress verzeichnet die Londoner Erstausgabe; Project Gutenberg stellt einen durchsuchbaren Volltext bereit.
Im Roman sitzen Seeleute im Freien, während Dick Harness Geige spielt. Jemand wünscht sich „the Spanish Ladies“. Der Erzähler erklärt, das Lied sei einst unter Seeleuten sehr beliebt gewesen, nun aber fast vergessen; durch den Abdruck wolle er es für eine Weile der Vergessenheit entreißen. Es folgen der bekannte Abschied, das „rant and roar“, die Kanallotungen, die Küstenpunkte, das Ankern in den Downs und ein gemeinsamer Trinkspruch.
Die Szene ist fast so wichtig wie der Wortlaut. Marryat präsentiert das Lied nicht als vollendete Schöpfung eines berühmten Komponisten, sondern als gemeinsames Repertoire von Seeleuten. Eine Geige begleitet, Scherze unterbrechen den Vortrag. 1840 lebte das Stück bereits in Erinnerung und Aufführung.
Vom Vorschiff in Sammlung und Konzertsaal
Nur elf Jahre später zitierte Herman Melville den Anfang in Kapitel 40 von Moby-Dick. Die Szene spielt um Mitternacht im Vorschiff: Seeleute und Harpuniere singen im Chor, bevor andere Arbeitslieder und Tänze folgen. Das kurze Zitat zeigt, dass der Abschied den Atlantik überquert hatte und für amerikanische Leser sofort Bordgemeinschaft signalisieren konnte.
Sammler fixierten anschließend einzelne Fassungen. A Sailor’s Garland nahm das Lied 1906 auf, Cecil Sharp veröffentlichte es 1916 in One Hundred English Folksongs. Solche Bücher bewahrten Worte und Melodien, beendeten aber die Veränderung nicht. Walter Pardons Norfolk-Fassung richtet ihren Refrain stärker auf England, Liebste und Ehefrauen. Mündliche Tradition besitzt keine einzige autorisierte Partitur.
Die Melodie gelangte auch in zeremonielle Konzertkultur. 1905 nahm Sir Henry Wood sie in seine zum Trafalgar-Jubiläum geschaffene Fantasia on British Sea-Songs auf. In den BBC-Proms-Archiven bleibt „Farewell and Adieu, Ye Spanish Ladies“ als eigener Abschnitt der Fantasie in späteren Last-Night-Programmen sichtbar. Ein Arbeits- oder Freizeitlied vom Schiff wurde zur orchestralen öffentlichen Erinnerung.
Was das Lied erinnert – und was es auslässt
Im vertrauten Text bewegen sich britische Seeleute; die spanischen Frauen bleiben namenlos und ohne eigene Stimme an Land. Das Lied überliefert Sehnsucht und seemännisches Wissen der Besatzung, nicht die Erfahrungen dieser Frauen oder die größeren Folgen britischer Seemacht. Man kann die Musik würdigen, ohne aus wenigen Abschiedszeilen eine angeblich belegte Liebesgeschichte zu machen.
Emotional ist der Aufbau dennoch reich. Der Anfang blickt zurück auf die Trennung. Die Navigationsstrophen blicken voraus und messen den Fortschritt. Der wiederkehrende Refrain verwandelt persönliche Unsicherheit in kollektives Selbstvertrauen. Der letzte Trinkspruch will Melancholie ertränken; dass sie überhaupt benannt werden muss, zeigt, dass die Trauer bleibt.
Eine überzeugende Interpretation darf deshalb nicht nur laut sein. Das „rant and roar“ braucht Weite, der Abschied braucht Raum. Disziplin und Heimweh reisen in derselben Melodie.
Whisflos Arrangement auf der chromatischen Mundharmonika
Whisflo folgt nun der Mollmelodie, die Cecil Sharp 1916 druckte, für dieses Instrument von a-Moll nach c-Moll transponiert. Sie steht im 3/4-Takt, übernimmt Sharps Angabe von 120 BPM und reicht von F4 bis G5. Verwendet werden C, D, Es, F, G und B; in den Notendaten erscheinen Es und B als Dis und Ais. Diese beiden Schiebernoten bilden das technische Zentrum.
Der Viertelauftakt G4 soll nach C5 führen und nicht als isolierter Akzent klingen. Nach ihm folgen sechzehn volle Takte. Übe in Vierergruppen und erhalte Sharps kurze Bindungen: C5–D5, C5–B4–G4, die hohe G5-Wendung und den späten Abstieg G4–F4.
Beginne bei 72–80 BPM mit D5–Es5–D5–C5 und C5–B4–G4. Drücke den Schieber vor Es oder B, halte ihn über die ganze Note und löse ihn im folgenden Übergang. Übe G4–F4–G4 separat, damit der neue tiefste Ton warm und gleichmäßig bleibt.
Gib der Eins Boden, ohne jeden Takt anzuhämmern. Lass Zählzeit zwei und drei wie eine fortlaufende Spilldrehung weiterziehen. Spare den weitesten Klang für die G5-Phrase auf und nimm im Schlussabstieg Druck zurück. Wenn Achtelbindungen und Schieberlösungen sauber bleiben, steigere in Vier-BPM-Schritten bis 120.
Zuletzt geprüft am 10. August 2026
Quellen und weiterführende Literatur
- 01 Roud Folk Song Index 687 Vaughan Williams Memorial Library
- 02 Sea Shanties — A History National Maritime Museum Cornwall · 2025
- 03 A Sailor’s Life — We’ll Rant and We’ll Roar English Folk Dance and Song Society / National Maritime Museum · 2016
- 04 Music of the Sea English Folk Dance and Song Society / National Maritime Museum · 2013
- 05 Poor Jack — 1840 edition catalogue record Library of Congress · 1840
- 06 Poor Jack — full text Project Gutenberg · 1840
- 07 One Hundred English Folksongs Harvard University / Google Books · 1916
- 08 89 Spanish Ladies — Cecil Sharp 1916 score and ABC transcription Folkopedia
- 09 A Sailor’s Garland, selected and edited by John Masefield Methuen & Co. / public-domain digitised copy · 1906
- 10 Moby-Dick; or, The Whale — Chapter 40 Project Gutenberg · 1851
- 11 Black Atlantic Acoustemologies and the Maritime Archive Library of Congress digital collection
- 12 Prom 68 — Last Night of the Proms 1989 BBC Proms archive · 1989