Eine Widmung statt einer anonymen Volksweise
In modernen Sammlungen steht „Fanny Power“ oft zwischen anonymen irischen Melodien. Dieses Stück gehört jedoch zum dokumentierten Repertoire von Turlough O’Carolan—Toirdhealbhach Ó Cearbhalláin—und trägt den Namen einer wirklichen Frau.
Frances „Fanny“ Power war die Tochter von David und Elizabeth Power aus der Gegend von Loughrea im County Galway. Der Titel ist weder ein Wortspiel mit dem englischen power noch eine erfundene Figur. O’Carolan ehrte eine junge Frau aus einer Familie, die zu seinem Netz von Gastgebern und Förderern gehörte.
Die ausgewogenen Phrasen und die allmähliche Erweiterung des Tonraums wirken wie ein musikalisches Porträt. Das Stück lobt nicht durch äußere Virtuosität, sondern durch Haltung, Wärme und Proportion. Der überlieferte Liedtext rückt die Widmung zugleich in die Nähe eines konkreten Familienfestes.
Leben und Arbeit eines Wanderharfners
O’Carolan wurde 1670 im County Meath geboren. Nach dem Umzug seiner Familie nach Nord-Roscommon erblindete er mit etwa achtzehn Jahren an den Folgen der Pocken. Máire MacDermottroe finanzierte seine Harfenausbildung und gab ihm nach drei Jahren ein Pferd, einen Führer und Geld für den Beginn seiner Laufbahn.
Diese Laufbahn beruhte auf Gastfreundschaft. Wanderharfner spielten in den Häusern ihrer Gastgeber und schufen Lieder für die Menschen, von deren Unterstützung sie lebten. Dass so viele Werke O’Carolans Personennamen tragen, ist deshalb kein Zufall. „Fanny Power“ bewahrt eine soziale Beziehung zwischen Musiker, Haus und geehrter Person.
Heute begegnet auch der Titel Planxty Fanny Power. Als herkömmliche Bezeichnung für eine Widmung O’Carolans ist er brauchbar. Er sollte aber nicht den Eindruck eines einheitlichen Tanztyps erwecken. Im Zentrum steht das patronale Lob.
Aus Miss Power wird Mrs Trench
Frances Power heiratete 1732 Richard Trench. In der zugehörigen irischen Strophe hofft O’Carolan den Quellen zufolge, noch bei ihrer Hochzeit tanzen zu können. Das spricht stark für eine Entstehung vor der Eheschließung, liefert aber kein genaues Datum und ersetzt keine datierte Autographenpartitur.
Nach der Hochzeit erhielt die Melodie einen weiteren Namen. Eine von ITMA katalogisierte Druckquelle des 18. Jahrhunderts führt sie als „Mrs Trench“ und schreibt sie Carolan zu. In einer Transkription von Edward Buntings MS4/29 steht „Mrs Trench or Miss Fanny Poer“. Es handelt sich nicht um zwei Melodien, sondern um die Namen derselben Frau vor und nach der Heirat.
In dieser Titeländerung steckt ein Stück Biografie. „Fanny Power“ hält den persönlichen Familiennamen fest; „Mrs Trench“ folgt der damaligen gesellschaftlichen Benennung einer verheirateten Frau. Beide Titel helfen, die Überlieferung zu identifizieren.
Vom gesungenen Lob zum Instrumentalstück
Heute wird „Fanny Power“ meist ohne Worte auf Harfe, Geige, Flöte oder Gitarre gespielt. Der Bunting-Bestand zeigt eine weitere Schicht. Der Katalog der Queen’s University Belfast nennt irisches Liedmaterial zu „Fanny Power“, phonetisch notiert in Papieren aus dem Umfeld von Dr James MacDonnell. Die Melodie besaß also auch eine vokale Überlieferung.
Edward Bunting veröffentlichte sie später in seinem 1840 erschienenen Band Ancient Music of Ireland. Die Sammlung umfasste 151 Harfen- und Liedmelodien, für Klavier eingerichtet. Sie ist eine zentrale Quelle für das Fortleben des Stücks, aber weder O’Carolans Handschrift noch ein Nachweis dafür, dass der Klaviersatz die ursprüngliche Begleitung war.
Sinnvoller ist eine Schichtenfolge: O’Carolans Widmungslied, die Namen Fanny Power und Mrs Trench, frühe Drucke, Buntings Handschriften, seine Klavierausgabe und moderne Instrumentalbearbeitungen. Jede Fassung erfüllte einen neuen Zweck und trug zur Erhaltung bei.
Zwischen Harfentradition und Kunstmusik
O’Carolan gilt oft als Verbindung zwischen irischer Harfenmusik und europäischer Kunstmusik. Diese Beschreibung darf seine reale Arbeitswelt nicht verdecken. Er war ein irischsprachiger Wanderharfner und Dichter in einem Patronagesystem, kein fest angestellter Hofkomponist mit Orchester.
Der ausgewogene zusammengesetzte Puls, die Sequenzen, der weite Umfang und die klare zweiteilige Anlage laden zu Bearbeitungen ein. Derek Bell von den Chieftains betonte O’Carolans Bedeutung als kultureller Vermittler und warnte zugleich davor, ihn nur nach den Maßstäben kontinentaler akademischer Ausbildung zu beurteilen.
Die National Library of Ireland verzeichnet „Fanny Power“ in einer modernen Harfenausgabe zum Erbe des Belfast Harp Festival von 1792. RTÉ lyric fm dokumentiert außerdem James Galway und die Chieftains mit einem Medley aus „Fanny Power“, „Mabel Kelly“ und „Carolan’s Concerto“. Solche Fassungen rekonstruieren nicht exakt das 18. Jahrhundert; sie zeigen die anhaltende Anpassungsfähigkeit der Melodie.
Feierlichkeit mit persönlicher Wärme
Der erste Teil beginnt gefasst in mittlerer Lage und öffnet sich allmählich nach oben. Der zweite Teil wiederholt größere Figuren, steigt zum Höhepunkt und kehrt schließlich zur Ruhe zurück. Das Lob entsteht durch ausgewogene Vergrößerung, nicht durch überwältigende Virtuosität.
Manche langsame Einspielung klingt nachdenklich, doch „Klage“ wäre als einzige Charakterisierung irreführend. Hochzeitsbezug, wiegender 6/8-Puls und aufwärts gerichtete Energie sprechen für Zuneigung und Feier. Das Stück steht zwischen öffentlicher Zeremonie und privater Nähe.
Whisflos Fassung auf der Mundharmonika
Whisflos gegenwärtiges Arrangement steht in C-Dur, nicht in der D-Dur-Transkription nach Bunting oder dem in Sessions häufigen G-Dur. Es verwendet alle sieben Stammtöne, reicht von G4 bis D6 und stellt den frühen 6/8-Takt bei 80 BPM wieder her. Der Schieber wird nicht benötigt; die Wiedergabe nutzt nun eine Orchesterharfe statt der schärferen Flöte.
Das anfängliche G4 ist ein Auftakt zum ersten vollen Takt. Bei punktierter Achtel plus Sechzehntel bleibt der kurze Ton leicht und genau platziert, damit die zwei großen Pulse jedes 6/8-Taktes hörbar bleiben. Beide Teile umfassen acht Takte und werden wiederholt; plane Atemstellen in Zwei- oder Vier-Takt-Gruppen.
Im zweiten Teil steigt die Linie über B5–C6–D6. Beginne bei 60 BPM, halte B5 in mittlerer Lautstärke und erreiche C6 und D6 mit schnellerem Luftstrom statt mehr Druck. Übe die Lagenwechsel G4–C5 und G5–C6 getrennt. Erst wenn D6 frei klingt und der wiederholte Schluss getragen bleibt, steigere bis 80 BPM.
Zuletzt geprüft am 10. August 2026
Quellen und weiterführende Lektüre
- 01 O’Carolan’s Biography Ask About Ireland — Libraries Development, LGMA
- 02 The Ireland of O’Carolan — Fanny Power Ask About Ireland — Libraries Development, LGMA
- 03 Harp Music Ask About Ireland — Libraries Development, LGMA
- 04 The Hibernian Muse — Mrs Trench, air Irish Traditional Music Archive Catalogue
- 05 MS 4 Edward Bunting Collection Queen’s University Belfast Special Collections
- 06 Transcription of textual content of Bunting MS4/29 Early Gaelic Harp Info — Simon Chadwick · 2020
- 07 Edward Bunting’s Third Published Collection of Irish Music, 1840 Irish Traditional Music Archive · 1840
- 08 The Ancient Music of Ireland, arranged for the piano forte Boston Public Library / Internet Archive · 1840
- 09 Fanny Power / Mrs. Trench — Bunting 1840 setting Musick’s Handmade — O’Carolan score collection
- 10 Legacy of the 1792 Belfast Harp Festival National Library of Ireland · 1992
- 11 Fanny Power / Mabel Kelly / Carolan’s Concerto RTÉ lyric fm
- 12 An Interview with Derek Bell Ask About Ireland — Libraries Development, LGMA · 2001